Gedanken, Objekte, Spekulationen zur Familie in 100 Jahren

Ein Projekt von Sabine Lehm

Kritisches, spekulatives Design kann einen Kommentar gesellschaftlicher Entwicklungen über die Skizzierung utopischer Entwürfe ermöglichen (Dunne et Raby, Speculative everything, 2013). In diesem Sinne ist auch das vorliegende Projekt zu verstehen, es reflektiert über die Zukunft von Fortpflanzung Genealogie, Familie und Identität. ‘So genannte „Wahlfamilien“ und „Wahlverwandtschaften’ werden an Bedeutung gewinnen. Freunde, Nachbarn oder Bekannte werden – wie durch Adoption – in diese neuen Beziehungskonzepte aufgenommen und als lebensbegleitende „soziale Konvois“ fungieren.’ (Berliner Institut für Sozialforschung, 2017).

Im vorliegenden Projekt wird für das Jahr 2117 die mutmassliche Existenz eines Nachnamengenerators angenommen: Der Namensgenerator mindert Ungleichheiten; er führt zu einer paritätischen Herkunftsbezeichnung und schließt alle Erzeugergruppen mit ein. Es entsteht eine neue Tradition mit dem zugehörigen Ritual. Kernfamilien werden zwar ihre Bedeutung behalten, aber sie werden sich verändern: Durch häufigeren Partnerwechsel mit Kindern und Partnern aus vorhergehenden Beziehungen, gleichgeschlechtliche Elternschaften, adoptierten und gezeugten Kindern, künstlicher Befruchtung, Co-Parenting, Leihmutterschaft, Samenspende, Eispende und den unterschiedlichen biologischen und sozialen Elternteilen wird es immer mehr verschiedene Bezugspersonen geben. Der Generator wird helfen interkulturelle Namenshybride aus den Einzelbuchstaben der beteiligten Nachnamen zusammenzusetzen und so die klassischen patrilinearen oder matrilineraren Linien zu verändern.

Das Objekt: Eine Glaskugel ist verbunden mit dem Kreisel/Geschwindigkeitserzeuger. In der Glaskugel: Buchstabenkugeln aus den Nachnamen der Bezugspersonen des Kindes. Eingravierte Buchstaben zur Generierung von Namenshybriden. Ein Familienmitglied dreht den Kreisel. Die Familie erscheint in einer traditionellen weißen Kleidung, sie tragen einen Kragen. Zur Zeremonie erhält jedes Familienmitglied einen Buchstaben des neuen Namens. Dieser wird in der Ohrringkugel platziert. Ein Kragen kann nun auch dem Kind angelegt werden.
Materialien: Plexiglas, Kugeln: weißes Filament, Globus, Holz, Eisen, Gartenlaterne, Bindfaden, Blechkreisel, Holzleiste und Papier

“Ich glaube dass die Familie in der Zukunft so vielfältig strukturiert sein wird, dass die Beziehungen zueinander und die Funktionen innerhalb der Familie ganz neue Begrifflichkeiten und einen neuen Sprachgebrauch hervorbringen werden. Familie wird auch in Zukunft Identität und Vertrauen in andere, sich selbst und die Welt stiften: multi- nuklear/multi-lokal und zunehmend virtuelle Kommunikations- und Begegnungsräume integrieren. Wo bin ich - mit/von wem bin ich - wer bin ich?”
Dr. Gabriele Koch / Institut für angewandte Familien-, Kindheits- und Jugendforschung e.V. an der Universität Potsdam (IFK e.V.)